KÄRNTEN ECHO

MEINUNG: Ein Virus, nicht ernst genommen

Bild: pixabay
Der Versuch einer Erklärung: Ursachen der harten Lockdown-Massnahmen der Bundesregierung sind unserere eigene Ignoranz. Anscheinend ist Einsicht kein Mittel die Infektionszahlen zu reduzieren. Wir reagieren nur auf Druck.

Wir sind ein Volk von 8,86 Millionen Einwohner*innen und haben derzeit die höchste Covid-Neuinfektionsrate weltweit. Das haut rein. Gemessen an unserer Bevölkerungszahl steigt die Zahl der Infizierten bei uns ungebremst an, trotz dem leichten Lockdown der vergangenen Zeit.

Aber anscheinend hat uns die Ausgangssperre von 20 – 6 Uhr garnicht wirklich berührt. Es ist eh immer dunkler geworden. Da konnten wir dann eher zuhause bleiben. Aber am Tag! Da waren wir unterwegs. Besonders wir Kärnten*innen, als geselliges Völkchen bekannt, zog es hinaus, in die Sonne, dorthin wo das Sitzen im Freien und Cappuccino trinken erlaubt ist. Nach Tarvis z. Bsp.

Da sitzen Risikogruppen ohne Mund-Nasen-Schutz an einem kleinen Tischchen vor den offenen Kaffeehäusern im Nachbarland und erzählen einem Reporter-Team von Kärnten heute, wie blöd es bei uns hier ist, weil wir uns nicht mehr treffen können. Und die Kamera gleitet über lächelnde Gesichter, über das rege Treiben auf den Straßen der Kleinstadt. Und es gibt einfach keine Fragen der Berichterstatter, wie es denn mit dem eigenen Risiko der Ansteckung wäre. Es geht den anwesenden Kärntnern um das eigene Vergnügen und, bei den Italienern, um den Umsatz. Und wir, vor den Fernsehern, sind die Beobachter, die signalisiert bekommen: „Eh alles in Ordnung. Das Virus ist nicht existent“.

Viele wissenschaftliche Untersuchungen versuchen herauszufinden, was es mit unseren emotionalen Verwerfungen so an sich hat, dass wir partout nicht in der Lage sind, konkret und realitätsbezogen zu agieren. Oft wird dann erklärt, es hat damit zu tun, dass wir uns in unserer Umgebung sicher fühlen wollen und deshalb mögliche Gefahren ausblenden, bis es uns erwischt. Und dann ist der erste Satz, den die Menschen meistens sagen: „Ich habe es garnicht bemerkt“.

Das eigene Vertrauen und Sicherheitsgefühl zu sich und anderen ist aber nicht nur individuell, sondern hängt stark von der eigenen Sozialisierung und den im eigenen Umfeld erworbenen Maßstäben ab. Soweit so gscheit.

Nun zurück zur Berichterstattung des ORF Kärnten über die Tarviser Kaffetrinker. Übersetzt heißt das, der ORF Kärnten ist ein Medium, mit dem wir aufgewachsen sind. Wenn also der ORF Kärnten, dem wir vertrauen, uns Informationen über Kärntner*innen zeigt, die in Tarvis Pizza essen, einkaufen und dann Café trinken, dann signalisiert uns das: Das mit dem Virus? Alles halb so schlimm!

Deshalb gibt es jetzt, einfach formuliert, den Lockdown.

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